Leserbrief: „Raus aus der Wohlfühl-Oase: Der Fußball muss zurück zur Basis“

Symbolfoto: Heiko van der Velden

„Der Weg zurück an die Spitze beginnt nicht bei der Nationalmannschaft, sondern an der Basis.“ Mit dieser Überzeugung blickt Biniam Ghebremeskal auf die Entwicklung des deutschen Fußballs. Der zuletzt beim SSV Germania Wuppertal in der Bezirksliga tätige Trainer fordert in seinem Leserbrief, Ausbildung, Entwicklung und Verantwortung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Leserbrief von Biniam Ghebremeskal

„Vor knapp vier Jahren habe ich bereits einen Gastbeitrag über die Entwicklung des deutschen Jugendfußballs geschrieben. Damals habe ich vor wachsendem Leistungsdruck, einer fehlenden Ausbildungsphilosophie und einer zunehmenden Entfremdung vom eigentlichen Gedanken des Sports gewarnt. Heute muss ich leider feststellen: Wirklich verändert hat sich seitdem kaum etwas.

Die Diskussionen rund um Jürgen Klopp als neuen Bundestrainer zeigen zwar, dass auch der Deutsche Fußball-Bund erkannt hat, dass Veränderungen notwendig sind. Für mich geht die Debatte allerdings am Kern des Problems vorbei. Es wird viel über Personalien gesprochen. Dabei beginnt die Zukunft des deutschen Fußballs nicht in Frankfurt und auch nicht erst bei der Nationalmannschaft. Sie beginnt auf den Trainingsplätzen der Amateurvereine. Dort, wo Woche für Woche tausende Ehrenamtliche Kindern und Jugendlichen den Fußball näherbringen.

Die Basis trägt den gesamten Fußball

Deutschland hat rund 24.000 Fußballvereine. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich jedoch fast ausschließlich auf Leistungszentren und Profiklubs. Natürlich ist Spitzenförderung wichtig. Aber sie funktioniert nur, wenn das Fundament stabil ist. Genau dieses Fundament wird aus meiner Sicht immer schwächer.

Die Trainer an der Basis investieren unzählige Stunden in ihre Mannschaften. Sie organisieren Training, begleiten Spiele, sprechen mit Eltern, kümmern sich um Material und übernehmen Aufgaben, die weit über den Fußball hinausgehen. Gleichzeitig werden die bürokratischen Anforderungen immer größer. Immer neue Vorgaben, immer mehr Verwaltung und immer weniger Zeit für das, worum es eigentlich gehen sollte: die Arbeit auf dem Platz. Wer die Basis dauerhaft überfordert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann auch an der Spitze weniger Qualität ankommt.

Ich habe den Eindruck, dass sich der Fußball insgesamt zu einer Wohlfühl-Oase entwickelt hat. Viele Spieler möchten möglichst auf ihrer Lieblingsposition eingesetzt werden. Schon im Jugendfußball wollen viele Kinder lieber Tore schießen als verteidigen. Dabei gehört gerade das Verlassen der eigenen Komfortzone zur Entwicklung dazu. Ein guter Fußballer muss das gesamte Spiel verstehen und bereit sein, auch Aufgaben zu übernehmen, die ihm zunächst vielleicht keinen Spaß machen. Wir müssen uns schlichtweg noch besser angewöhnen, dass wir den Bedarf erkennen und anhand dessen ausbilden. Positionen, Spielertypen müssen innerhalb einer Mannschaft noch besser aufeinander abgestimmt werden und zwar von grundauf.

Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur die Spieler. Auch Vereine und Verbände müssen wieder mehr unbequeme Entscheidungen treffen. Leistung bedeutet nicht, jemanden unter Druck zu setzen oder den Spaß am Fußball zu nehmen. Leistung bedeutet, Menschen bestmöglich auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Das gilt für Spieler genauso wie für Trainer, Sportliche Leiter oder Funktionäre. Wie bei den Spielern sollte auch hier frühestmöglich ausgesiebt werden: Positionen sollten nach Kompetenz und Eignung besetzt werden – nicht nach Bequemlichkeit oder Gewohnheit.

Aus meiner Sicht fehlt dem deutschen Fußball eine einheitliche Philosophie. Über viele Jahre hatte Deutschland eine klare Identität. Heute entsteht häufig der Eindruck, als wolle man verschiedene erfolgreiche Nationen gleichzeitig kopieren. Dabei geht der eigene Weg verloren. Diese Unsicherheit setzt sich bis in den Amateurfußball fort. Trainer fragen sich, welche Inhalte eigentlich vermittelt werden sollen. Vereine orientieren sich an Trends, statt an den Bedürfnissen ihrer Spieler. Dabei sollte Ausbildung nicht davon abhängen, welche Position gerade modern ist oder welcher Spielstil aktuell erfolgreich erscheint. Fußball besteht aus elf Positionen. Deshalb müssen wir auch elf unterschiedliche Spielertypen entwickeln.

Auch die Entwicklung im Jugendfußball beobachte ich mit Sorge. Natürlich sollen Kinder Spaß am Fußball haben. Aber Spaß und Leistung schließen sich nicht aus. Im Gegenteil. Wer sich verbessern möchte, muss lernen, mit Niederlagen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und sich durchzusetzen. Wettbewerb gehört zum Sport. Er ist kein Feind der Entwicklung, sondern ein wichtiger Bestandteil davon. Deshalb sehe ich manche Entwicklungen kritisch, bei denen Ergebnisse und Leistungsprinzip immer weiter in den Hintergrund rücken. Kinder brauchen keinen übermäßigen Druck. Sie brauchen aber Herausforderungen, an denen sie wachsen können.

Der Amateurfußball entscheidet über die Zukunft

Die Nationalmannschaft ist am Ende nur das Ergebnis dessen, was viele Jahre zuvor auf den Sportplätzen im ganzen Land passiert ist. Deshalb wünsche ich mir, dass der deutsche Fußball seinen Blick wieder stärker auf die Basis richtet. Weniger Bürokratie, mehr Unterstützung für Vereine, eine klare Ausbildungsphilosophie und der Mut, Leistung wieder positiv zu besetzen.

Seit 2012 arbeite ich als Trainer und habe im Jugend- wie im Seniorenbereich viele Spieler auf ihrem Weg begleiten dürfen. Deshalb bin ich überzeugt: Die Zukunft des deutschen Fußballs entscheidet sich nicht in den Stadien der Bundesliga, sondern auf den Asche-, Kunstrasen- und Naturrasenplätzen unserer Amateurvereine. Wenn wir dort die richtigen Weichen stellen, wird sich das früher oder später auch ganz oben bemerkbar machen.

Doch dafür müssen wir bereit sein, unsere Wohlfühl-Oase zu verlassen und wieder konsequent in Ausbildung, Entwicklung und Verantwortung zu investieren. Denn der Weg zurück an die Spitze beginnt nicht bei der Nationalmannschaft, sondern an der Basis.“

—–

Folge Amafuma.de auf Facebook >> https://www.facebook.com/amafumade

Folge Amafuma.de auf Instagram mit @amafuma.de

Themen die dich auch interessieren können

Teamshooting ab 109€

Wir fotografieren euere Mannschaft und machen von jedem Spieler ein Einzelfoto in gewünschter Position. Der Hintergrund kann dabei individuell ausgewählt werden.